Die Geschichte der ONS

Die ersten Anfänge einer planmässigen und zielstrebigen „Nacktkultur“ sind uralt. Schon im Altertum wurde eine rituelle Nacktheit in der gesamten Kulturwelt gepflegt. Im alten Hellas z.B. und im historischen Rom waren Sport und gymnastische Übungen im nackten Zustand eine allgemeine Selbstverständlichkeit.

Diese gesunde Einstellung zum Körper und zu seiner natürlichen Erscheinung verloren die Menschen dann aus den verschiedensten Gründen. Schliesslich kam es zum Verbot des öffentlichen Badens überhaupt.

In der Zeit zunehmender Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es Bestrebungen, die eine Erneuerung der gesamten Lebensweise forderten. Es  sollten die Ernährung, die Wohnformen, die Gesundheitspflege und die Erziehung reformiert werden. Das alles wurde unter dem Begriff „Lebensreform“ zusammengefasst. Sport, Wandern und Körperkultur gewannen für die persönliche Lebensführung besondere Bedeutung.

Vorläufer der Freikörperkultur (FKK) rsp. Naturismusbewegung waren die Gründung von Naturheilanstalten und Licht-Luft Therapien. Um das Jahr 1900 herum entstand eine Naturheilinstitution besonderer Art, die für die Entwicklung des gemeinsamen Nackt- und Sonnenbadens von richtungsweisender Bedeutung war. Um die „Philosophie der Freiheit“ des Denkens und Handelns in einer Gemeinschaft praktisch zu erproben, fand sich im Tessin, auf einem 350 Meter hohen Hügel über Ascona, eine Gruppe von Künstlern, Literaten, Philosophen und anderen Idealisten zusammen, die eine faszinierende Ausstrahlung entwickelten. Ein soziales Experiment sollte es werden, was da einige wagemutige Reformer in Angriff nahmen. Sie nannten den Bergrücken Monte Verità (Berg der Wahrheit).
Es gab Anlagen mit Lufthütten und abgetrennten Zonen für Luft- und Sonnenbäder, in denen erstmals in neuerer Zeit das gemeinsame Nacktbaden von Frauen und Männern praktiziert wurde. Der Monte Verità wurde seit dieser Zeit ein Inbegriff für neue Lebensformen.

Geschichtsschreiber des Naturismus bezeichnen das Erscheinen von Naturisten-Magazinen als Markstein in der Geschichte des Naturismus, ja als deren Anfang. Durch die Verbreitung dieser Zeitschriften gab es so etwas wie einen Zusammenschluss derjenigen, die an einer neuen Kultur, an einem neuen Lebensgefühl und an einer neuen Ethik interessiert waren.
Diese Bahnbrecher einer neuen Zeit wirkten zunächst nur im engsten Freundes- und Familienkreis. Sie setzten dort die Gedanken in die Tat um. Bald wurden in Europa verschiedene Nacktkultur-Vereine gegründet.

Wir heutigen Menschen können uns den Mut und den Idealismus dieser Kämpfer kaum noch vorstellen, der nötig war, um in dieser Zeit der doppelten Moral, des Muckertums und des Pharisäertums eine neue Idee in breite Bevölkerungskreise zu tragen.

1920 entstand der erste Nacktbadestrand in Sylt, weitere folgten und waren sehr gut besucht.

In jener Zeit entstand ein Satzungsentwurf, in dem der Zweck der FKK festgehalten werden sollte. Neben der Gesundheit standen ethische Grundsätze wie Freiheit, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Umweltschutz im Vordergrund. Das Lebensgefühl und die Schönheit spielten auch eine grosse Rolle.

In der Schweiz hatte Eduard Fankhauser Naturisten-Zeitschriften herausgegeben. Er wurde im März 1926 wegen Verbreitung von Schundliteratur angeklagt und zunächst von einem Polizeirichter zu einer Busse von Fr. 30.— verurteilt. Eine Appellation ans Obergericht führte dann aber im September des gleichen Jahres zu einem Freispruch. Über diese Abhandlungen gibt es ein Büchlein, „Kampf und Sieg der FKK“, das vom Verein ONS bezogen werden kann. Eduard Fankhauser gründete dann 1927 mit einigen Gleichgesinnten den Schweizer Lichtbund, die heutige Organisation der Schweizer Naturisten, kurz ONS genannt.

Das Ziel war auch hier, gemeinsam die Gesundheitsbewegung zu stärken. So wurde das Nacktbaden gefördert und dem Alkohol und dem Rauchen der Kampf angesagt.
An Vorträgen und an einem Ferienkurs lernte Edi Fankhauser den Reform-Lehrer Werner Zimmermann kennen. Dessen Buch „Lichtwärts“ vertiefte und erweiterte seine reformerischen Gedanken. 1928 erschien erstmals die Zeitschrift „die neue zeit“, die bald auch an Kiosken frei käuflich war.

Als 1930 das erste Gelände in Mörigen am Bielersee gekauft wurde, zählte der Lichtbund bereits 800 Mitglieder. 1936 konnten Edi und Elsi Fankhauser unter grossen finanziellen Opfern das heutige Gelände in Thielle erwerben. Es bekam den Namen „die neue zeit“.

Im Bestreben, den lebensreformerischen Tendenzen der ONS (Nacktsein inklusive Vegetarismus und Abstinenz von Alkohol und Nikotin) mehr Durchschlagskraft zu geben, wurde an der Pfingsttagung 1956 in Thielle eine entsprechende Resolution vorgelegt und angenommen. Verschiedene Ortsgruppen waren damit nicht einverstanden und gründeten in der Folge 1957 eine zweite Dachorganisation, die „Schweizerische Naturisten Föderation“ SNF. Sämtliche SNF-Vereine hoben in der Folge das Verbot von Fleisch, Nikotin und Alkohol auf.

Nach 50 Jahren gab Edi Fankhauser das Präsidium der ONS ab. Als Nachfolger wurde an Pfingsten 1977 der Rechtsanwalt Bernhard Böhler gewählt. Dieser reorganisierte die ONS und fand eine gute Zusammenarbeit mit der SNF innerhalb der schweizerischen Dachorganisation SNU.

1984 übernahm Michel Ducret das Präsidium. Er war ein Lebensreformer voller Ideen und brachte den erwünschten neuen Wind in die ONS. So gründete er die Kommission für Reform, Umwelt und Kultur (RUK), die heutige Programmkommission (organisiert in den Sommermonaten auf dem Gelände „die neue zeit“ in Thielle ein umfangreiches Kulturprogramm), und er gab dem Bundesvorstand eine neue Arbeitsstruktur.

Nach dem Rücktritt von Michel Ducret 1991 erhielt die ONS in Trudi Merz die erste Präsidentin. Sie verkörperte die Hoffnung auf Überleben des Werks nach dem Tode von Elsi Fankhauser, der langjährigen „Geländemutter“. 1997 wurde Adolf Rebsamen neuer Präsident der ONS. Im Jahr 2000 erhielt die ONS in Jimmy Geissler erstmals einen Präsidenten französischer Muttersprache. Dieser leitete die ONS mit welschem Charme und Toleranz.

Nach den Unruhen auf dem Gelände zwischen 2005 und 2008 setzte sich Alice Haller mit ihrem Ehemann Martin für das Gelände und für die neuen Strukturen in der ONS ein, und sie wurde zur Präsidentin gewählt. Sie erkrankte schwer und wurde 2010 von Orla Risse abgelöst. Auf Pfingsten 2017 hat sie ihre Demission eingereicht; vorgesehen als Nachfolger ist Martin Beck.